"Solange du dein Bestes gibst, ist das genug" - Yogalehrerin Jana hat einen Appell an Arbeitgeber

Aktualisiert: Juni 9

Jana Dielen ist 26 Jahre jung, Yoga- und Meditationslehrerin und lebt in Berlin. Sie arbeitete als Führungskraft in der Textilbranche, bis sie sich für ein ganz neues Berufsleben entschied ein für Sie gesünderes. Jetzt hilft sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern den tückischen Folgen von körperlichem und seelischem Stress zu entfliehen, indem sie Yoga und Meditation lehrt – auch in Firmen.

f&w: Hallo Jana, wir freuen uns total, dass du uns heute einige Fragen rund um das Thema Yoga am Arbeitsplatz beantwortest. Vorab: Wie bist du zum Yoga und zur Meditation gekommen?


Jana: Im Dezember 2018 habe ich meinen Job als Führungskraft im textilen Einzelhandel gekündigt und bin auf Weltreise gegangen. Auf meiner Reise hatte ich das erste Mal seit vielen Jahren den Raum, rauszufinden, was für Interessen ich eigentlich habe und was mich begeistert. Ich habe einen fünftägigen Yoga Kurs in Indien gemacht und (trotz vieler körperlicher und emotionaler Herausforderungen oder vielleicht auch gerade deswegen) festgestellt, was Yoga und Meditation für einen tun können. Ab diesem Zeitpunkt habe ich, wo auch immer ich auf der Welt war, als allererstes nach dem nächsten Yogastudio gesucht.


f&w: Und wie bist du dann dazu gekommen, Yoga und Meditation zum Beruf zu machen?


Jana: Am Ende meiner Weltreise habe ich entschlossen, zurück nach Indien zu reisen und eine Yogalehrer-Ausbildung zu machen. Ich wollte richtig und sicher praktizieren. Aus dieser Ausbildung ist eine sehr spirituelle, prägende Erfahrung geworden. Obwohl ich mich jeden Tag (bei bis zu 48 Grad in Rishikesh) zehn Stunden mit Yoga und Meditation befasst habe, mich meilenweit außerhalb meiner Komfortzone bewegt habe und oft an meine körperlichen Grenzen stieß, war diese Ausbildungszeit eine der besten Zeiten, die ich jemals hatte. Ich habe sehr viel über mich, aber auch über andere Menschen und deren Schwierigkeiten im Leben gelernt. Spätestens da stand für mich fest, dass ich in keinen Beruf mit hohem Leistungsdruck und Verantwortung zurückkehren wollte. Ich habe mich stattdessen dazu entschieden, meine Energie in meine persönliche Entwicklung zu investieren. Ich wollte meine Ressourcen dafür nutzen, mit dem Beruf als Yoga- und Meditationslehrerin zu wachsen und auch anderen Menschen zu helfen.


f&w: Wo siehst du die größten Gefahren für die physische und mentale Gesundheit in der aktuellen Arbeitskultur?


Jana: Ich glaube, dass viele Menschen den Bezug zu ihrem eigenen Körper verloren haben. Deshalb können oder wollen sie nicht beurteilen, ob sie ihm Ruhepausen gönnen sollten. Wir bewegen uns in einer solch leistungsorientierten Gesellschaft, dass es die Normalität ist, krank zur Arbeit zu gehen. Viele haben Angst vor negativen Reaktionen am Arbeitsplatz. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung als Führungskraft und als Arbeitnehmerin. Ich glaube, dass es sehr gefährlich ist, die Signale seines Körpers nicht richtig zu deuten. 


"Unternehmen sollten kommunizieren, dass Erholung selbstverständlich ist."


f&w: Wie sollten Unternehmen deiner Meinung nach für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter sorgen? 


Jana: Unternehmen sollten klar kommunizieren, dass Krankheiten und Erschöpfung normal sind und notwendige Erholung selbstverständlich ist. Ein kranker Mitarbeiter muss ohne schlechtes Gewissen zu Hause bleiben können. Außerdem glaube ich daran, dass zufriedene Menschen langfristig gesünder sind. Deswegen ist es wichtig, dass Unternehmen, die körperlichen und mentalen Herausforderungen der jeweiligen Tätigkeit erkennen. Sie sollten ihren Mitarbeitern entsprechende Unterstützung bieten, diese auszugleichen oder zu meistern. Das können beispielsweise höhenverstellbare Schreibtische, kostenloses Obst oder gesundheitsfördernde Maßnahmen sein, die zum Stressabbau und zur allgemeinen Gesundheit beitragen. Yoga ist da natürlich der perfekte, ganzheitliche Ansatz. Jeder kann Yoga praktizieren und es fördert nicht nur deine physische Gesundheit, sondern reduziert nachweislich Stress und das Risiko für ein Burn-out.

f&w: Wie du gerade schon erwähnt hast, leiden zunehmend viele Arbeitnehmer unter Stress durch die Arbeit. Welche allgemeinen Tipps zur mentalen Entspannung kannst du für den Arbeitsalltag geben?

Jana: Das ist eine spannende Frage, auf die ich viele Antworten habe. Ich versuche mal ein paar Ideen so kurz wie möglich darzustellen. Dabei spreche ich sowohl als ehemalige Abteilungsleiterin als auch als Yogalehrerin:

  • Entspannung braucht wohl jeder von uns. Aber das Maß des Stresses ist natürlich ausschlaggebend dafür, wie viel Entspannung wir benötigen. Es ist sehr wichtig, zu lernen, dass der Ballast, den du dir durch mangelnde oder falsche Kommunikation von Vorgesetzten oder Arbeitskollegen aufbürdest, nicht dein eigener Ballast ist. Viele Reaktionen, Vorwürfe oder harsche Umgangsformen haben nichts mit dir persönlich zu tun, sondern mit Schwierigkeiten oder Unsicherheiten, die dein Gegenüber selbst hat. Das ist ein Prozess, aber mir hat die einfache Technik  „zum einen Ohr rein, zum anderen wieder heraus” schon sehr oft geholfen. ;-)

  • Übernimm dich nicht und setze dir realistische und persönliche Ziele!  Solange du dein Bestes gibst, ist das genug !

  • Lege in deiner Pause buchstäblich die Beine hoch. Dehne dich, mache einen Powernap oder einen Spaziergang in der Mittagspause. Führe in deiner Pause oder in der Freizeit keine Gespräche über die Arbeit.

  • Atme tief durch, wenn du es brauchst. Beobachte auch mal dein Atmen in stressigen Situationen und erinnere dich daran, gleichmäßig und tief durch die Nase und in den Bauch zu atmen.

  • Yoga vor der Arbeit hilft dir dabei, ausgeglichen und energetisch in den Tag zu starten. Nach der Arbeit sorgt es dafür, Erholung und einen ruhigen Schlaf zu finden.

f&w: Kannst du uns drei konkrete Übungen verraten, die bei akutem Stress helfen?

Jana: Bei akutem Stress kommen mir eher etwas Gedankenarbeit und kurze Ruhemomente in den Sinn:


1. Pushe dich in schwierigen Situationen mit positiven Affirmationen:


„ich bin stark”

„ich bin entspannt” 

„meine Idee ist gut”

„ich bin genug”

Schreibe sie auf oder wiederhole sie ein paar Mal im Kopf.

2. Meditiere!  Wenn du weißt, dass ein stressiger Tag bevorsteht, nimm dir vor der Arbeit oder in der Mittagspause Zeit, um Platz in deinem Kopf zu schaffen. Fünf Minuten reichen! Steigere dich gerne in der Dauer der Zeit, aber erwarte keine Wunder. Meditieren bedeutet nicht Nichts zu denken. Beobachte deine Gedanken und lasse sie wieder ziehen. Nimm dir einen Moment für dich und schaffe Ruhe! 

3. Lege dich auf den Rücken, strecke Arme und Beine von dir, öffne die Beine etwas mehr als hüftbreit, die Handflächen zeigen nach oben. Erlaube deinen Beinen und Füßen nach außen zu fallen. Diese Position nennt sich Savasana, das steht für Körperentspannung oder auch Totenposition, da du hier alles dorthin fallen darf, wo es hinfallen möchte.  Du kannst auch eine Hand auf deinen Bauch und eine auf deine Brust legen. Schließe deine Augen und lasse deinen Atem natürlich fließen. Erlaube dir mit jedem Atemzug mehr zu entspannen. Verweile hier in Stille oder beobachte deinen Atem, genauso lange, wie du es brauchst!

f&w: Ist Yoga für dich eine sportliche Betätigung oder primär Mittel zur Entspannung?

Jana: Tatsächlich weder noch. Die Yogastile, die ich persönlich praktiziere, sind eher sehr dynamisch und sportlich. Die Klassen, die ich unterrichte und die Klangschalenmeditationen, durch die ich führe, haben aber auch einen entspannenden Charakter.

Für mich ist Yoga eher eine Lebensweise. Für mich bedeutet Yoga, ein Bewusstsein für meinen Körper zu entwickeln und zu lernen, mit ihm zu kommunizieren und auf ihn zu hören, wenn er mir Signale sendet. Was oft getrennt als Körper, Geist und Seele bezeichnet wird, ist für mich eher eins.


"Ich denke, jeder sollte Yoga praktizieren"


f&w: Bei welchen konkreten Beschwerden sollte ich mit Yoga starten und warum?


Jana: Ich denke, jeder sollte Yoga praktizieren, um körperliche und seelische Beschwerden vorzubeugen. Aber du solltest spätestens mit Yoga starten, wenn du Nacken- oder Rückenschmerzen hast, Verdauungsprobleme oder Schwierigkeiten mit deiner Atmung, wenn du dich unausgeglichen fühlst oder Probleme mit dem Schlafen hast. Du solltest Yoga praktizieren, wenn du mit Müdigkeit oder Erschöpfung zu kämpfen hast oder Probleme mit deinem Kreislauf. Auch emotionale Blockaden kannst du durch Yoga lösen, da sie sich oft körperlich äußern oder in bestimmten Körperstellen, wie den Schultern oder Hüften festsitzen. Yoga wirkt ganzheitlich und kann von jedem Menschen praktiziert werden. Du aktivierst deine Muskeln, Sehnen und Bänder im gesamten Körper und beeinflusst dein Nerven- und Verdauungssystem positiv. Durch integrierte Atemübungen stärkst du deine Atmung und unterstützt dein Immunsystem. Es gibt für jeden den richtigen Yogastil und Yoga verlangt weder Flexibilität noch Fitness. Es ist andersherum: Du erreichst Flexibilität und Fitness durch Yoga.


f&w: Gibt es No-Go’s beim Yoga oder bei der Meditation?


Jana: Ein Wettkampf-Gedanke oder Verbissenheit!


f&w: Danke liebe Jana!

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