• Marcia Gerwers

Visual Effects aus dem Homeoffice - ein Interview mit VFX Artist Jens Liebscher

Jens (35) ist freischaffender Digital Compositor auch VFX Artist genannt. Er ist für die visuellen Effekte in Filmen und Serien zuständig. Er war unter anderem an der Produktion der Effekte von Game of Thrones beteiligt. Jens arbeitet in einer Branche, die aus rechtlichen Gründen normalerweise auf die Arbeit im Homeoffice verzichten muss. In Coronazeiten muss es nun aber auch hier anders funktionieren. Warum, wie das geht und was ein Digital Compositor eigentlich so macht, erzählte er uns in einem Interview.

Jens ist Digital Compositor (Bild: Jens Liebscher)

f&w: Hallo Jens, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, uns einige Fragen zu deinem Arbeitsalltag als Freelancer in Coronazeiten zu beantworten.


Jens: Sehr gern! Aktuell habe ich Zeit. Das letzte Projekt, an dem ich in Vollzeit gearbeitet habe, habe ich Ende Februar abgeschlossen. Der Plan war, eine kleine Auszeit zu nehmen, was zwischen den Projekten immer sinnvoll und meist nötig ist. Durch die Coronakrise sind daraus bisher knapp zwei Monate geworden. Jetzt ist aber ein erster Remote Job vom Homeoffice aus angelaufen.

f&w: Auf deiner Homepage bezeichnest du dich als Digital Compositor bzw. Digital Artist. Erkläre uns Laien doch mal kurz, was dahinter steckt? (Aka: Was ist dein Job?)

Jens: Grundsätzlich muss man meinen Job in den Bereich der visuellen Effekte (VFX) für Spielfilm und Serienprojekte einordnen. Dabei ist es wichtig, die Visual Effects von den Special Effects (SFX) zu unterscheiden, die real und schon beim Dreh am Set geschehen. Unsere hauptsächliche Arbeit in der VFX findet allerdings am Computer statt und die erstellten digitalen Effekte werden nachträglich in das bereits gefilmte Material eingearbeitet. Das reicht von „unsichtbaren Effekten“ wie Retuschen oder Set-Erweiterungen bis hin zu Fantasy-Charakteren oder komplett digital erstellten Bildern (z. B. Weltraumszenen). Wir kümmern uns also darum, alles, was nicht am Set gefilmt werden kann, möglichst realistisch am Computer zu erschaffen. Mein Job ist es dann, in das mir vorliegende Rohmaterial aus der Kamera, die neuen, digitalen Elemente einzubauen. Ob Gebäude, Explosionen, Tiere oder frei Erfundenes - meine Aufgabe ist es, das zusammengesetzte Bild so aussehen zu lassen, als wäre es durch die Kamera gefilmt. Dazu gehört das Freistellen von Objekten und Schauspielern, Kamerabewegungen nachzuvollziehen, Licht und Schatten der Szene zu adaptieren und Kamera- und Linseneffekte (z. B. Unschärfe, Filmkorn, Linsenkrümmung etc.) zu berücksichtigen. Ganz grob kann man es als vorsichtig als „Photoshop für Bewegtbild“ beschreiben. Der Aufgabenbereich ist komplex und doch nur ein kleiner Teil der ganzen Kette.


f&w: By the way: Wie häufig musst du eigentlich Leuten wie uns erklären, was dein Job ist?

Jens: Ich merke ständig, dass Leute erstmal interessiert an meinem Job sind, wenn das Thema Kinofilme oder Serien aufkommt. Es gibt ja offensichtlich kaum jemanden, der keine Berührungspunkte damit hat. Die häufigste Frage ist dann: „Woran hast du denn schon gearbeitet?“ Jüngeren Menschen fällt es definitiv leichter, die Arbeit nachzuvollziehen. Im Gegensatz zur älteren Generation, die sich weniger mit Computern und neueren Medien beschäftigt.

f&w: Du arbeitest als Freelancer dann meist projektbasiert, bspw. im Rahmen der (Post-) Produktion eines Films oder einer Serie. Wie kommt es zu einer Zusammenarbeit? Arbeitest du mit bestimmten Partnern zusammen oder ergeben sich immer wieder neue Kooperationen?

Jens: Als Freelancer werde ich von den Visual Effects Firmen gebucht, die wiederum ihre Aufträge von den Filmproduktionen selbst bekommen. Da gibt es die großen Firmen z. B. in den USA und Kanada und mittlerweile eine ganze Menge kleinerer, guter Firmen an verschiedenen Standorten wie England, Skandinavien und natürlich auch Deutschland. Der Beruf des Visual Effects Artists ist ja noch relativ jung. Die ersten Filme mit Effekten aus dem Computer entstanden in den 90ern. Die Arbeit von damals ist nicht mit der heutigen zu vergleichen. Als ich vor knapp zehn Jahren in den Beruf einstieg, gab es kaum Möglichkeiten, diesen Job außerhalb einer wirklichen Produktion zu erlernen. Mittlerweile gibt es immer mehr Hochschulen, die Nachwuchs in unserem Bereich ausbilden. Dennoch gibt es überall einen Mangel an erfahrenen Artists und damit Schwierigkeiten, die gestiegene Nachfrage nach hochwertigen VFX (vor allem im Serienbereich mit Streaminganbietern) zu decken. Im Laufe der Jahre macht man natürlich viele Bekanntschaften. Viele neue Jobs entstehen durch Empfehlungen. Ich treffe immer wieder Leute, mit denen ich bereits an anderen Projekten oder in anderen Firmen oder sogar Ländern gearbeitet habe. Das Netzwerken und der offene Umgang miteinander sind große Pluspunkte meinesJobs. Es gibt also Firmen, mit denen ich immer wieder gern zusammenarbeite und wo ich immer wieder auf bekannte Gesichter treffe. Genauso sehr mag ich es zwischendurch aber auch, das Spannende und Unbekannte zu erleben und neue Kooperationen (auch im Ausland) einzugehen.


f&w: Wo arbeitest du normalerweise?

Jens: Aus verschiedenen Gründen ist es in der Branche üblich, in den Firmen vor Ort im Team zu arbeiten. Zum einen bestehen hohe Anforderungen an die Rechner und die Infrastruktur, da mit hohem Datenvolumen hantiert werden muss und die Maschinen einige Rechenpower besitzen müssen. Dazu kommt, dass die spezialisierten Softwarepakete besonders kostspielig sind. Alleine diese Anforderungen könnte ich aktuell so im Homeoffice nicht erfüllen. Zum anderen gibt es im Film- und Serienbereich genau definierte Auflagen zum Thema Verschwiegenheitspflicht und Vertraulichkeit seitens der Studios, um sicherzustellen, dass das Filmmaterial nicht vor der Veröffentlichung in die falschen Hände gerät oder relevante Informationen zum Projekt bekannt werden. Üblicherweise sind die Rechner, an denen wir arbeiten isoliert, nicht mit dem Internet verbunden und greifen lediglich auf die Server der Firma zu. USB und sonstige Schnittstellen sind oft deaktiviert.

Dieser Grund allein machte es bisher fast undenkbar, die Hauptarbeit vom Homeoffice aus zu erledigen. Die täglichen Reviews und den Austausch vor Ort lasse ich mal außen vor. Für mich ist es generell reizvoll, mit den Projekten zu reisen und tolle Städte und Länder außerhalb vom Urlaub mitzuerleben. Eine Möglichkeit, die nicht viele Berufe bieten. Mir ist es allerdings wichtig, nach den Projekten immer wieder nach Hause zu kommen und nicht zu einer Art Nomade zu werden und nur noch aus dem Koffer zu leben. Sonst würde aus dem Luxus für mich schnell ein Zustand, der Frust, Verzicht und enorme Einschränkungen mit sich bringen würde. Auch hier gilt es für mich, eine gute Balance zu finden.

Jens arbeitet sonst in den Firmen (Bild: Jens Liebscher)

f&w: Was hat sich seit der Corona-Krise in deinem Arbeitsalltag verändert? Arbeitest du nun doch irgendwie aus dem Homeoffice?

Jens: Es ist selbstverständlich traurig zu hören, dass viele Kollegen mit Projektabsagen oder Entlassungen zu kämpfen haben. Natürlich steht auch die Filmbranche still und die meisten Drehs werden verschoben. Tatsächlich hat die aktuelle Situation aber auch eine Menge frischen Wind in die Branche gebracht. Laufende Projekte bereits abgedrehter Produktionen müssen beendet werden, zumal Streamingdienste wie Netflix und Co. zurzeit wohl stärker denn je in Anspruch genommen werden.

Die Remote-Arbeit, die sich wohl einige Kollegen lange gewünscht haben, die aber jahrelang rechtliche und technische Hürden hatte, wird nun zu einer möglichen Alternative. Die Firmen müssen umdenken und die Leute zu Hause beschäftigen.

Für mich läuft nun mein erstes Remote-Projekt an. Die üblichen Vor- und Nachteile des Homeoffices brauche ich hier wohl nicht aufzuführen. Ich freue mich sehr auf das Projekt, habe aber natürlich auch gewisse Bedenken, da man somit auch eine andere Verantwortung übernimmt.

f&w: Wo arbeitest du zuhause? Hast du ein Büro? Welche technische Ausstattung benötigst du?

Jens: Da ich schon seit meinem Studium nebenher immer mal an kleineren Grafik- und Designprojekten arbeite, ist es für mich nichts gänzlich Neues, von Zuhause zu arbeiten. Mir ist bewusst, dass ich dazu tendiere, mich in bestimmten Aufgaben zu verlieren. Ich lebe alleine. Die Gefahr im Homeoffice ist, die Zeit zu vergessen, wenn niemand um mich herum für die Mittagspause aufsteht oder sich abends verabschiedet.

Ich arbeite in meinem Arbeitszimmer, dass auch nur zum arbeiten gedacht ist. Darin stehen ein großer Schreibtisch, eine Kommode und ein paar Pflanzen. Leider ist es in meinem Job üblich in abgedunkelten Räumen zu arbeiten, um Farben und Details auf den Monitoren gut zu erkennen und Spiegelungen vermeiden zu können. Das ist wirklich schade, denn meine Wohnung ist sehr hell und das Wetter ist eigentlich zu schön, um die Sonne fernzuhalten. Aber dennoch: Der Start des Projekts bringt jetzt zugezogene Gardinen mit sich.

Auf die technischen und rechtlichen Hürden bin ich ja bereits eingegangen. Die Lösung dafür ist das Arbeiten über eine Remote Desktop Software. Genauer bedeutet das, dass ich mich aus dem Homeoffice über einen Zugang mit einem Computer des Auftraggebers verbinde, dessen Desktop dann über das Internet auf meinen Rechner gespiegelt wird. So arbeite ich quasi immer noch vor Ort und umgehe (fast) alle technischen und rechtlichen Hürden. Die Voraussetzungen sind dann eine stabile Internetverbindung und das Vertrauen des Auftraggebers.

Eingeschränkt sind hier allerdings die technischen Abnahmen der Arbeit (sogenannte QC = Quality Control), da die Bildqualität durch die Remote Arbeit etwas leidet und Details (wie z.B. Filmkorn) untergehen können. Eine genaue technische Beurteilung ist nur mit dem Quellmaterial möglich. Eine Möglichkeit wäre es, die letzten Details falls nötig vor Ort mit dem Originalbild technisch zu finalisieren.


Jens war auch an der Produktion der Effekte von Game of Thrones beteiligt.

f&w: Die meisten Freelancer in anderen Branchen (also z.B. Texter, Grafiker,...) arbeiten ja sehr oft aus dem Homeoffice. Würdest du dich freuen, wenn das für dich auch nach Corona weiter möglich ist?

Jens: Ich denke, dass die Arbeit vor Ort im Team eine Produktivität und Dynamik erzeugt, die im Homeoffice nicht erreicht werden kann. Ich könnte mir durchaus vorstellen, zwischendurch für kürzere Buchungen komplett von Zuhause aus zu arbeiten. Das käme mir sicher in bestimmten Zeiten sehr gelegen, da das viele Reisen auf Dauer doch sehr anstrengend ist. Ganz darauf verzichten, würde ich (zumindest momentan noch) ungern, da ich so immer die Möglichkeit habe, in tollen Städten zu arbeiten, neue Menschen kennenzulernen und ein bisschen mehr von der Welt zu sehen. Eine nette Vorstellung wäre es, eine gute Balance durch den regelmäßigen Wechsel des Arbeitsortes während eines Projekts zu finden. Ich stelle mir das so vor: Für Meetings und spezielle Aufgaben ein paar Tage in der Firma, das technische „Abarbeiten“ von Zuhause aus.

f&w: Dein Homeoffice-Hack?

Jens: Das, was bei mir einem Hack am nächsten kommt, ist mein „Indoor-Balkon“ (ein Widerspruch in sich). Ich wohne in einer tollen Altbauwohnung, allerdings ohne Balkon. Sie besitzt aber einen Erker mit drei großen Fenstern. Hier scheint ab Nachmittag bis zum Sonnenuntergang die Sonne rein, sodass ich zwischendurch mit einem Buch im Sessel zwischen den Pflanzen ein paar Minuten die Sonne genieße. Die Mittagspausen nutze ich gern für Sporteinheiten im Park. Sollte es regnen, verabrede ich mich gerne zum Mittagessen via Skype. Außerdem höre ich immer Musik oder Hörbücher bei der Arbeit.

f&w: Vielen Dank für deine Zeit!

Jens: Ich danke euch!



Das Interview führte Marcia Gerwers

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